Gaskraftwerke: Globaler Gasturbinen-Engpass verschärft sich und wird zum Wachstumstreiber für erneuerbare Energien
Nach Einschätzung von Branchenanalysten lag der weltweite Auftragsbestand für Gasturbinen Ende 2025 bei rund 110 Gigawatt (GW), während die globale Fertigungskapazität lediglich bei etwa 60 bis 70 GW pro Jahr liegt. Neue Projekte verschieben sich damit zunehmend in die zweite Hälfte des Jahrzehnts. Für Betreiber von Rechenzentren, die kurzfristig zusätzliche Stromkapazitäten benötigen, ist dies in vielen Fällen zu spät. Dadurch gewinnen neue Technologien mit kurzen Realisierungszeiten wie erneuerbare Energien sowie dezentrale Systeme wie Brennstoffzellen deutlich an Bedeutung.
Mehr Gaskraftwerke: USA als zentraler Treiber der globalen Nachfrage
Besonders dynamisch entwickelt sich der US-Markt, der derzeit den globalen Gasturbinenbedarf maßgeblich treibt. Die im Bau befindliche Gaskraftwerkskapazität lag Anfang 2026 bei über 29 GW und damit mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahr. In der Vorplanungsphase sind inzwischen über 159 GW in der Pipeline – ein historischer Höchststand.
Auch die Industrie bestätigt diese Entwicklung: Der Auftragsbestand von GE Vernova stieg nach Unternehmensangaben von 46 GW Ende 2024 auf rund 83 GW Ende 2025 und soll 2026 die Marke von 100 GW überschreiten. Auch Siemens Energy und Mitsubishi Power berichten von einer mehrjährigen Vollauslastung ihrer Gasturbinenfertigung, veröffentlichen jedoch keine vergleichbaren, konsolidierten GW-Auftragsbestände.
Engpass in der globalen Lieferkette: Hochtechnologie-Komponenten wie Turbinenschaufeln
Der zentrale strukturelle Engpass liegt nicht allein in der Endfertigung, sondern zunehmend in der vorgelagerten Lieferkette. Besonders kritisch ist die Produktion sogenannter Hot-Section-Komponenten, insbesondere hochkomplexer Single-Crystal-Turbinenschaufeln. Diese erfordern hochspezialisierte Guss- und Beschichtungsverfahren und werden weltweit nur von wenigen Zulieferern im industriellen Maßstab gefertigt.
Zu den wichtigsten Akteuren zählen Howmet Aerospace sowie Precision Castparts Corp. Die Turbinenschaufeln machen einen erheblichen Anteil der Materialkosten moderner Gasturbinen aus und gelten als technologisch besonders anspruchsvoll.
Die angespannte Versorgungslage führt inzwischen dazu, dass einzelne Großturbinen zeitweise ohne vollständige Rotor- oder Schaufelkomponenten ausgeliefert werden, um Projekttermine einzuhalten. Die Endmontage erfolgt dann teilweise erst vor Ort. Gleichzeitig gewinnen Reparatur-, Aufarbeitungs- und Wiederverwendungsprogramme zunehmend an Bedeutung.
Ausbauprogramme der Hersteller bleiben hinter Nachfrage zurück
Die Hersteller reagieren mit umfangreichen Investitionsprogrammen. GE Vernova plant Investitionen von mehr als 160 Millionen US-Dollar, um die Produktion von rund 50 auf 70 bis 80 Turbinen pro Jahr zu steigern. Siemens Energy hat die Produktion bereits auf 24/7-Betrieb umgestellt und investiert rund 1 Milliarde US-Dollar in den Ausbau der US-Kapazitäten. Mitsubishi Power strebt wiederum eine Verdopplung der Fertigungskapazitäten bis 2028 an.
Trotz dieser Maßnahmen erwarten Marktbeobachter insgesamt nur einen Produktionsanstieg von etwa 20 bis 25 Prozent, deutlich weniger als das aktuelle Nachfragewachstum.
Parallel dazu ziehen die Preise deutlich an: Bis Ende 2027 könnten Gasturbinen laut Branchenkreisen auf rund 600 US-Dollar pro Kilowatt steigen. Die Angabe bezieht sich ausschließlich auf die Gasturbinen-Komponente (Equipment-Level) und nicht auf die Gesamtinvestitionskosten eines Gaskraftwerks, die inklusive Infrastruktur, Abhitzesystemen, Dampfturbinen und Netzanschluss deutlich höher liegen.
Gewinner: Technologien mit kurzer Realisierungszeit – Brennstoffzellen, Solar, Wind und Speicher
Von den langen Lieferzeiten im Gasturbinenmarkt profitieren zunehmend Technologien mit deutlich kürzeren Realisierungszeiten. Das Unternehmen Bloom Energy gibt an, Brennstoffzellensysteme teilweise deutlich schneller als ursprünglich geplant ausliefern zu können. In einem aktuellen Rechenzentrumsprojekt für Oracle wurde eine Lieferung statt nach 90 Tagen bereits nach rund 55 Tagen realisiert.
Auch Wind- und Solarenergie in Kombination mit Batteriespeichern rücken stärker in den Fokus, da für Rechenzentrumsbetreiber zunehmend nicht mehr nur die Kosten, sondern vor allem die Geschwindigkeit der Strombereitstellung („Time-to-Power“) entscheidend ist.
Damit entwickelt sich der globale Gasturbinen-Engpass zunehmend von einem industriellen Lieferkettenproblem zu einem strukturellen Treiber der Energiewende.
© IWR, 2026
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